Die Digitalisierungslücke

Wer profitiert und wer verliert?

Die Digitalisierung ist auch heutzutage noch branchenspezifisch mal mehr und mal weniger fortgeschritten. Gewisse Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen wird es immer geben, aber die stetig wachsende Digitalisierungslücke zwischen stark und schwach digitalisierten Unternehmen kann in der Zukunft erheblich minimiert werden. Weshalb es diese Lücke überhaupt gibt und wieso sie immer größer wird, klären wir in diesem Artikel.

Zu Beginn halten wir fest, dass weder die Größe noch der Umsatz eines Unternehmens die Basis für die erfolgreiche Umsetzung digitaler Maßnahmen sind. Viel wichtiger bei einer Umstellung auf solche Lösungen ist das Mindset – die Digitalisierungsbereitschaft eines Unternehmens und der gesamten Belegschaft. Zusätzlich zu diesem Mindset benötigt jedes Unternehmen individuelle zeitliche, materielle und technische Ressourcen.

Der Digitalisierungsprozess muss gut durchdacht und Schritt für Schritt angegangen werden. Dabei ist zu beachten, dass nicht nur die Ansprüche an die Digitalisierung unternehmensspezifisch sind. Auch der Return of Investment (ROI) variiert von Unternehmen zu Unternehmen, denn viele verschiedene Faktoren bestimmen die Auswirkung der Digitalisierung auf die Effizienz eines Unternehmens.

Die Digitalisierungslücke und was die Pandemie damit zu tun hat

Obwohl der digitale Wandel branchenunabhängig viele neue Chancen ermöglicht, haben einige Unternehmen immer noch Probleme sich dem zu öffnen. Sogar ganze Branchen äußern sich skeptisch gegenüber der Digitalisierung (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Durch die unterschiedliche Digitalisierungsbereitschaft der verschiedenen Branchen gibt es in Deutschland eine erhebliche Digitalisierungslücke. Diese Lücke existiert schon immer und nur die Unternehmen können dafür sorgen, dass sie kleiner wird.  

Aber wer steht eigentlich auf den beiden Seiten der Lücke? Laut einem Interview der IT-Wissensplattform com! professional mit Bernhard Rohleder, dem Gründer des Digitalverbandes Bitkom, stehen auf der einen Seite Unternehmen, die digital bereits gut aufgestellt sind und sich dem Wandel stetig anpassen. Auf der anderen Seite befinden sich solche Unternehmen, die in Sachen Digitalisierung noch weit hinterherhängen und durch den andauernden Wandel und die schnell auftauchenden Neuerungen erst recht nicht mehr Schritt halten können.

Wir reden von einer Schere, die durch die Corona-Pandemie noch weiter geöffnet wird. Aber wieso? Wir haben so oft schon gehört, dass eine Krise die perfekte Chance für Veränderung ist und viele Unternehmen einen kleinen Anstoß brauchen, um sich an eine Neugestaltung des eigenen Konzepts zu wagen. Aber genau das ist sowohl Fluch als auch Segen. Natürlich wird die Digitalisierung durch die Pandemie vorangetrieben, denn wo Abstandsgebot und Kontaktreduzierung greifen, muss man auf andere Mittel setzen, um auf der einen Seite weiterhin gut zusammenarbeiten zu können und auf der anderen Seite seine Produkte und Dienstleistungen zu den KundInnen zu bringen. Unternehmen müssen flexibel sein, um in Krisensituationen bestehen zu können, und das ist, was viele zurzeit in Angriff nehmen: eine Neugestaltung des bestehenden Geschäftsmodells. Ärzte geben Sprechstunden über Kommunikationstools mit Videochatfunktion, in Schulen und Universitäten unterrichten Lehrkräfte erfolgreich im Homeschooling und auch Einzelhändler entwickeln digitale Liefer- und Abholkonzepte. Klingt nach immensen Fortschritten und das sind sie auch! Aber auch nur, wenn diese strukturellen Veränderungen nachhaltig sind, also wenn sie auch noch in der Zukunft anwendbar ist. Einfach gesagt: die Lösung muss zukunftsfähig und anpassbar sein. Das ist laut Rohleder vor allem in der Wirtschaft und im privaten Umfeld der Fall. Rohleder nennt als Gegenbeispiel Verwaltungen. Dort ist seiner Meinung nach solch eine Nachhaltigkeit nicht absehbar, weil viele Unternehmen Gefahr laufen, die Neuerungen nach der Pandemie wieder zu verwerfen und zu alten Mustern zurückzukehren.

Welche Branchen profitieren?

Nun wissen wir, dass manche Unternehmen besser mit der Digitalisierung ihrer Arbeit zurechtkommen als andere. Aber welche Unternehmen profitieren denn jetzt besonders von der Digitalisierung? Grundsätzlich können wir sagen, dass wir alle profitieren können, wenn wir sie als Chance auf Veränderung und Optimierung nutzen.

Natürlich profitieren zunächst Unternehmen, die digitale Lösungen entwickeln und vertreiben, denn je größer die Digitalisierungsbereitschaft der Unternehmen ist, umso höher ist auch die Nachfrage nach digitalen Lösungen für den Arbeitsalltag. Was aber viel wichtiger ist: die AnwenderInnen dieser digitalen Lösungen profitieren mindestens genauso viel. Denn digitale Lösungen bieten unter anderem die Möglichkeit, unternehmensinterne Arbeitsprozesse zu optimieren und (teil)automatisiert abzuwickeln. Dies ermöglicht es, Zeit und Arbeit einzusparen und diese in wertschöpfendere Aufgaben zu investieren. Die Effizienz innerhalb eines Unternehmens steigt, die MitarbeiterInnen werden entlastet und das Arbeitsklima wird verbessert. Kurz gesagt: alle im Unternehmen profitieren!

Laut der Studie „Digitalisierungsindex Mittelstand 2020/2021“ im Auftrag der Deutschen Telekom sind außerdem wie zu erwarten das Finanzgewerbe, Transport und Logistik und die Informations- und Kommunikationstechnik die Spitzenreiter was die Digitalisierung ihrer Arbeit angeht. All diese Branchen haben etwas gemein: eine hohe Digitalisierungsbereitschaft und einen großen Handlungsspielraum. Diese beiden Faktoren begünstigen die Umsetzung digitaler Maßnahmen erheblich, was erklärt, warum diese Branchen digital fortgeschrittener sind als andere.

Welche Branchen hängen hinterher?

Während manche Branchen die Digitalisierung mit offenen Armen empfangen, steht sie in der Handwerks- und der Baubranche weniger auf der Tagesordnung. Hier werden fast alle Prozesse noch manuell abgewickelt. Natürlich können digitale Anwendungen allein keine Ziegel stapeln oder Häuser bauen, aber hier steckt noch so viel mehr Potenzial drinnen und das nicht nur hinter den Kulissen.

Jedes Unternehmen hat ein Personal- und Rechnungswesen und weitere organisatorische Aufgaben, die im Arbeitsalltag bewältigt werden müssen. Dort können Unternehmen optimal mit Digitalisierungsmaßnahmen ansetzen. Anwendungen wie ECM und DMS eignen sich perfekt, um verwaltungstechnische Aufgaben zu optimieren.

Wieso aber ist es so einfach, sich die Digitalisierung in der Verwaltung eines Unternehmens im Gegensatz zur Digitalisierung einer Baustelle vorzustellen? Genau, weil viele denken, dass beispielsweise Tablets nichts auf einer Baustelle verloren haben. Für diese sensible Technik könnte es dort zu dreckig und zu unübersichtlich sein. Ja, auf einer Baustelle laufen Arbeitsprozesse oft hektisch ab und viele Menschen sind sowohl vor Ort als auch aus dem Büro aus beteiligt. Aber die Menge an Unterlagen in Papierform und die mündlichen Absprachen tragen nicht unbedingt zur Entspannung bei. Dabei kann es zu fehlenden Informationen oder zur Weitergabe falscher Informationen kommen und Missverständnisse entstehen, durch die wiederum Baumängel zustande kommen. Und genau da kommt die Digitalisierung und mit ihr das Tablet zum Einsatz, denn mit einer digitalen Bauakte passiert all das nicht mehr. Ja, digitale Lösungen gibt es auch für die Baustelle! Mit der digitalen Bauakte hat nun auch die Baubranche die Möglichkeit ihr Digitalisierungspotenzial auszuschöpfen und sich weiterzuentwickeln. Ob die Chancen genutzt werden, liegt jedoch immer noch bei den einzelnen Unternehmen und deren Mindset.

Auch der Handel steht dem digitalen Wandel häufig noch skeptisch gegenüber. Vor allem Einzelhändler wurden durch die Pandemie auf die Probe gestellt, denn die Türen vieler Geschäfte blieben über mehrere Monate geschlossen. In solchen Krisen-Situationen muss die Lage schnell überblickt, die Risiken und Chancen neuer Geschäftsmodelle evaluiert und Optimierungsmöglichkeiten entwickelt werden – nur so kann ein Unternehmen solche Zeiten überstehen. Dieser Prozess gelingt laut Bernhard Rohleder Unternehmen, die bereits Digitalisierungsmaßnahmen umgesetzt haben, besser als solchen, die in diesem Aspekt noch hinterherhängen. Das zeigt, dass eine digitale Basis in einem Unternehmen nur von Vorteil sein kann. Bisher wurde vieles, was mit Digitalisierung zu tun hat im Handel mit folgenden Begründungen abgelehnt: Es hat keinen Mehrwert für das Unternehmen und die nötige Zeit sowie finanzielle Ressourcen sind nicht vorhanden. Es ist kein Geheimnis, dass der Onlinehandel für viele Einzelhändler eine Bedrohung darstellt. Gerade deshalb ist es wichtig, dass ein Unternehmen eine ansprechende Online-Präsenz vorweisen kann und dementsprechend mit digitalen Prozessen vertraut ist. Denn nur so können Unternehmen auch der Konkurrenz standhalten und den Bedürfnissen der KundInnen gerecht werden.

Wo bleiben die mittelständischen (Familien-)Unternehmen?

Branchenunabhängig wurde im Rahmen der „Family Business Survey 2021“ für PwC und die INTES Akademie der Digitalisierungsstand bei Familienunternehmen in Deutschland untersucht. Laut dieser Studie wollten im Jahr 2018 rund 70 Prozent aller befragten deutschen Familienunternehmen bis 2020 signifikante Digitalisierungsfortschritte machen. Jetzt, rund drei Jahre später, können aber nur zehn Prozent von sich behaupten, dass sie so gut aufgestellt sind, sodass bei ihnen die Umsetzung geeigneter Digitalisierungsmaßnahmen nicht mehr das Top-Thema des Arbeitsalltags ist. Weltweit sei das bei 19 Prozent der Fall, was bedeutet, dass der Digitalisierungsdruck in Deutschland viel höher ist als in anderen Ländern. Dabei ist es deutschen Familienunternehmen bewusst, dass die Digitalisierung ihnen etwas bringen würde, denn die Digitalisierungsbereitschaft ist da und ganze 74 Prozent möchten ihre digitalen Fähigkeiten verbessern.

Mittelständische (Familien-)Unternehmen stehen zum Großteil noch auf der Seite der Nachzügler. Die Digitalisierungsbereitschaft ist zwar größer denn je, jedoch hapert es oft noch an der Umsetzung. Der Schritt hinein in die digitale Welt ist für viele Unternehmen nicht einfach, aber auf jeden Fall notwendig, um erfolgreich zu bleiben.

Fazit

Die Digitalisierungslücke ist zwar größer denn je, aber das bedeutet keinesfalls, dass wir nicht gemeinsam dafür sorgen können, dass sie in den nächsten Jahren kleiner wird. Natürlich sind branchenspezifische Unterschiede bezüglich digitaler Fortschritte kaum zu vermeiden, aber Fakt ist: Alle Unternehmen sollten die Möglichkeit haben von der Digitalisierung und ihren Maßnahmen zu profitieren.

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